April 2014

Ich bin gerade beim Recherchieren zur Geschichte der Jugendweihe über ein wunderschönes Stück Lyrik von Erich Mühsam gestolpert:

Wollt ihr die Freiheit, so seid keine Knechte!
Wollt ihr das Glück, so schaffet das Rechte!
Wollt ihr die Früchte, so ackert die Saat!
Wollt ihr das Leben, so leistet die Tat!…

Pestluft lagert über der Welt;
um das Große drängt sich die Kleinheit;
trübe Dünste verfinstern die Reinheit,
und der Mensch ist vom Haß entstellt.
Um das Daseins armselige Brocken

sind alle Fäuste wütend geballt.
Denn die Not schleicht auf leisen Socken, –
und Not ist hungrig und krank und kalt.
Gute Menschen sind Räuber geworden,
Denn sie haben, was andere entbehren.

Gute Menschen sengen und morden,
denn sie schützen, was andre begehren.
Friedliche Menschen sind tobende Horden,
freie Menschen sind Sklaven geworden, –
und Gottes gepriesenes Ebenbild

ward zum reißenden Tier, raubgierig und wild.
Blutend am Boden wimmert der Geist.
Denn die Fäuste haben die Macht, –
und unter den Hieben der Fäuste zerreißt
das Licht des Geistes – und sinkt in die Nacht.

Und um die Stirne schlingt sich ein Netz
und schnürt dem Denken den Atem zusammen
und tötet der Seele flackernde Flammen
und fesselt das Fühlen – und heißt Gesetz.
Und die da stöhnen in tausend Wunden,

die sie einander im Hasse geschlagen,
und die einander vor Gott verklagen, –
sie werden von einer Kette gebunden…
Und doch sehnt sich der Mensch nach Glück,
und sehnt sich nach Freiheit und sehnt sich nach Leben,

und möchte als Freund zum Menschen zurück,
und möchte den Geist zur Freude erheben! –
Möchtet ihr, Menschen? Wohl! Reckt eure Köpfe!
Öffnet die Augen! Dehnt eure Brust!
Fühlt euch als freie, als eigne Geschöpfe!

Wollet die Freiheit! Wollet die Lust!
Alles Geschehens Geheimnis ist Wollen.
Wollt euer Glück! Erwacht! Erwacht!
Die Wellen nur fließen, die Steine nur rollen,
die eine Kraft zur Bewegung gebracht.

Menschen! Besinnt euch auf eure Kraft!
Zur Arbeit, die Frieden und Freude schafft!
Eine Welt der Freiheit ist zu gewinnen, –
und der erste Schritt zum Glück heißt: Beginnen!

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Erich Mühsam, Januar 1908, Geleitwort zu Gustav Landauers Zeitschrift „Der Sozialist“

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