„100 Jahre unterwegs“ – Etappe 5 – Hohenberg-Krusemark > Gedelitz (92,6 km)

Die vorletzte Etappe – mit Heimspiel für Hagen…

Der Tag begann ausgeschlafen mit viel Regen. Erst einmal Frühstück – und dem besten Kaffee auf der ganzen Tour bis jetzt. Dazu gab es eine lustige Unterhaltung mit dem Vermieter, sehr nett.
Der Regen hatte glücklicherweise zwischenzeitlich nachgelassen und war zu feinem Nieselregen übergegangen. Also Leuchtejacke an und die Rainlegs* – das sollte reichen. Regenhose und Überschuhe durften in der Tasche bleiben. Flott und unbeeindruckt vom Wetter ging es durch die trübe Landschaft.
Nach rund 10 Kilometern tauchte vor uns im verregneten Wald plötzlich eine halb verfallene Kirche auf, die Kirchruine Käcklitz. Von der Neugier getrieben stellten wir die Räder ab und erklommen das Türmchen – wer meine Höhenangst kennt weiß, wie viel Freude das für mich war. Der Ausblick entschädigte allerdings für den Aufstieg.
Weiter ging es durch den Herbst, die Laune passte und die Aussicht vom Deich aus war zauberhaft. Bis auf ein paar Schafe waren wir mutterseelenallein.
Kurz vor Werben war der Plan mit der Fähre Räbel die Elbseite zu wechseln um via Havelberg zwischen Elbe und Havel weiter zu fahren. Einer Eingebung folgend wollte ich die Fährzeiten prüfen und stellte überraschend fest, dass die Fähre vorerst gar nicht fährt. Blöd. Neuer Plan. Dieser war schnell gefasst, wir fuhren linkselbig über die Alternativroute weiter.
Wir passieren Werben und waren – Zack – zurück auf dem Deich.
Die Alternativstrecke wird scheinbar weniger genutzt, wie uns der halb zugewachsene Weg verriet. Und man sollte sich auch genügend Verpflegung einpacken, über viele Kilometer gibt es nichts außer Natur. Und was für welche. Traumhaft schöne Elbwiesen, märchenhafte Wälder. Bis auf Hasen, Kühe, Schafe und Vögel waren wir allein.
Um Beuster herum schlugen wir erneut einen Bogen um die alte Elbe – völlig begeistert von der Schönheit dieser einsamen Gegend. In Beuster gibt es übrigens ein Blaulicht Museum für die Ostalgiker – sicherlich sehenswert. Uns trieb es aber weiter. Kurze Verwunderung über eine seltsam anmutende Plantage – aber es zog uns weiter zur anderen Elbseite.
Kurz darauf erreichten wir auch schon die Eisenbahn-Brücke über die wir nach Wittenberge kommen sollten. Die Länge war schier unglaublich, sie wollte scheinbar gar nicht mehr enden. Mehr als einen Kilometer zog sie sich über die Elbe. Die Bohlen wackelten zu meiner großen Freude sehr – aber die Aussicht war toll.
Dann waren wir auch schon in Wittenberge. Lobend erwähnen muss man ganz klar die hervorragende Radverkehrsführung, sowohl was Wege als auch Beschilderung betrifft. Sofort sprang uns das große Gebäude der Ölmühle ins Auge – hübsch saniert. Leider hatte das Café geschlossen, so dass wir weiter zogen. Die Stadt ist definitiv irgendwie imposant, wirkte aber wie leer gefegt.
Es sollte nicht besser werden, wir fanden zwar etwas zum Kaffeetrinken an der Elbpromenade, doch die „Deutschland den Deutschen“ skandierende Neonazi-Oma verhagelte mir die Laune gewaltig. Ich wollte nur weg und aufgrund des Wahlabends am liebsten nach 18 Uhr auch schon im Wendland sein. Also schnell wieder aufs Rad und weiter. Zum Trost zeigte sich die Sonne noch einmal und die Aussicht blieb berauschend – die Elbe verzauberte uns völlig.
Unsere verträumte Fahrt wurde jäh unterbrochen, eine großer Schwarm Gänse  brach vor uns auf – wir staunten nicht schlecht.
Rasch ging es weiter – die Aussicht blieb weiterhin schön – erste Grenztürme erinnerten an die deutsch-deutsche Teilung. Vielleicht sollte man gerade an einem Tag wie heute, an dem Flüchtlingshetze vorallem im Osten auf fruchtbaren Boden fiel noch mal daran denken. Viele Menschen verloren an der Elbgrenze ihr Leben, bei dem Versuch die DDR zu verlassen. Nach Maßstäben von Hetzern wie der AfDoof wären diese Menschen heutzutage sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge – Menschen die sich nach Freiheit sehnen.
Plötzlich war er auch schon da, der Fähranleger Lenzen-Elbtalaue. Und auf der anderen Seite wartete Schnackenburg und das geliebte Wendland. Der Fährmann herzlich, wir die einzigen Gäste. Fast wie nach Hause kommen. Und sogar Fahrscheine gab es!
In Schnackenburg stellten wir fest, dass es erst 16 Uhr ist. Viel zu früh um Quartier zu beziehen, zumal die Radfahr-Laune stabil war. Da ab hier Hagens „Revier“ beginnt, oblag die weitere Planung ihm.
Auch wenn wir gefühlt schon fast am Ziel waren – bis Bankewitz war es uns doch zu weit. Hagen hatte die rettende Idee, wir fahren quer rüber nach Gedelitz und nächtigen im Gasthaus Wiese. Ein kurzer Anruf brachte Klarheit, ein Zimmer ist frei, außerdem war eh Wahlparty bzw. Trauerfeier ob der Wahlergebnisse angesagt. Also los. Wir fuhren durch die schöne Schnackenburger-Apfel-Allee und erreichten bald schon Gartow. Vorbei am Gartower See brausten wir in Richtung Gorleben.
Durch die Ortschaft Gorleben hindurch Richtung Gedelitz passierten wir das atomare Zwischenlager Gorleben. Ein bitteres Bild. Eine Blechscheune in der radioaktive Abfälle liegen.
Kurz darauf erreichten wir den Salzstock Gorleben mit Infotafeln zum Widerstand im Wendland. Die gesamten Planung sind ja nach wie nicht vom Tisch :(
Voller Freude bestaunte ich erneut die Beluga, die hier für immer „vor Anker“ gegangen ist.
Noch zwei, drei mal kräftig in die Pedale getreten und schon erreichten wir das Gasthaus Wiese. Ein richtiges Heimspiel für Hagen, so ist hier ja auch der Heimathafen des Wendlandjazz. Nach dem Entsetzen über die ersten Hochrechnungen zu den Wahlergebnissen gab es zum Trost Currywurst und feinstes Störtebeker Atlantik Ale.
Nun kehrt die Müdigkeit ein – immerhin wieder über 90 km gekurbelt. Morgen wartet nun nur noch eine Mini Etappe von knapp 40 Kilometern bis zum finalen Ziel auf uns. So kann der Abend mit stilechtem Wendlandkaffee ausklingen.

1 Kommentar


  1. WOW, ihr seid ja schneller als die Polizei erlaubt !
    Willkommen im Wendland !

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